Wilson, (Thomas) Woodrow (1856-1924), 28.Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (1913-1921).
In der Innenpolitik setzte er bedeutende Gesetzesreformen durch; außenpolitisch spielte er eine entscheidende Rolle bei der Gründung des Völkerbundes.
Wilson wurde am 28.Dezember 1856 als Sohn eines presbyterianischen Geistlichen in Staunton (Virginia) geboren, studierte an der University of Virginia Jura und wurde Rechtsanwalt in Atlanta (Georgia).
Akademische Laufbahn
1883 gab Wilson die Jurisprudenz auf, studierte politische Wissenschaften und promovierte 1886. Er lehrte zunächst am Bryn Mawr College bei Philadelphia und an der Wesleyan University in Connecticut; 1890 erhielt er einen Lehrstuhl in Princeton. Sein erstes Buch, Congressional Government (1885), eine politische Analyse, wurde ein Klassiker; ihm folgten noch sechs weitere Werke. 1902 wurde Wilson zum Präsidenten der Universität gewählt. In diesem Amt bemühte er sich, die alten Strukturen an der Universität aufzubrechen und Lehrplan und -system zu reformieren.
Gouverneur von New Jersey
Wilsons Reformpläne für die Universität waren blockiert worden; er war von Princeton enttäuscht und wandte sich der Politik zu. 1910 wurde er als Kandidat der Demokratischen Partei New Jerseys zum Gouverneur gewählt. Er war ein starker und reformfreudiger Gouverneur: Er setzte neue Wahlgesetze durch, erwirkte Gesetzesänderungen für den Bereich der Wirtschaft, und es gelang ihm, die Macht der Parteibonzen zu brechen.
Präsidentschaftswahlen
Wilsons akademische Laufbahn und seine Erfolge als Gouverneur prädestinierten ihn für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten in den Wahlen von 1912. Die Spaltung der Republikaner und die Kandidatur des früheren Präsidenten Theodore Roosevelt auf der progressiven Kandidatenliste der dritten Partei ließen einen Sieg der Demokraten so gut wie sicher erschienen; trotzdem kämpfte Wilson mit ganzem Einsatz und forderte neue Reformen zur Ankurbelung der Wirtschaft und zur Einleitung der von ihm so genannten New Freedom (Neuen Freiheit). Er schlug seine beiden Kontrahenten Roosevelt und Präsident William Howard Taft, allerdings ohne die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen zu gewinnen.
Innenpolitik
In seiner ersten Amtszeit als Präsident führte Wilson im Rahmen seiner New-Freedom-Politik bedeutende innenpolitische Reformen durch. 1913/14 wurden mehrere Gesetze zur Förderung der Wirtschaft verabschiedet: der Underwood Act, der erstmals seit 40Jahren die Einfuhrzölle senkte; der Federal Reserve Act, der das Bankensystem kontrollierte; der Clayton Antitrust Act, der die Macht großer Trusts beschränkte; und es wurde die Federal Trade Commission zur Regulierung der Wirtschaft in den einzelnen Bundesstaaten eingerichtet. 1916 führte Wilson staatliche Darlehen für Farmer ein, den Achtstundentag für die Eisenbahner und das gesetzliche Verbot der Kinderarbeit (das später vom Obersten Gerichtshof der USA abgelehnt wurde). Wilsons innenpolitische Reformen sicherten ihm im Wahlkampf von 1916 die Unterstützung der Farmer, Arbeiter und Reformisten gegen den Kandidaten der Republikaner, Charles Evans Hughes. Diesmal gewann Wilson die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen.
Außenpolitik vor dem Krieg
1913 eskalierte die Mexikanische Revolution zum Bürgerkrieg. Wilsons Versuche, die Entwicklung mit zu beeinflussen, führten 1914 zur Besetzung von Veracruz durch die USA und 1916 zu einem Feldzug gegen den mexikanischen Revolutionsführer Francisco Villa. Bei Ausbruch des 1.Weltkrieges im August 1914 bestand Wilson zunächst auf der Neutralität der USA, obwohl der deutsche U-Boot-Krieg das deutsch-amerikanische Verhältnis zunehmend verschlechterte und die USA politisch und wirtschaftlich den Alliierten zuneigten, die sie auch mit Lieferung von Kriegsgütern unterstützten. Die Versenkung des britischen Liniendampfers Lusitania durch die Deutschen im Mai 1915, bei dem 1198 Menschen ums Leben kamen, darunter 128 Amerikaner, führte zu einer innenpolitischen Krise; Innenminister William Jennings Bryan trat zurück, weil er strikt gegen einen Kriegseintritt der USA war, und Wilson wurde von Kritikern wie Theodore Roosevelt mangelnde Durchsetzungskraft vorgeworfen. Auf Druck der USA stellte Deutschland nach dem Lusitania-Zwischenfall den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ein, und die Spannungen zwischen den beiden Ländern ließen vorübergehend nach. Wilson, der im Wahlkampf von 1916 versprochen hatte, die USA aus dem Krieg herauszuhalten, entsandte seinen Vertrauten Edward M.House nach Europa, um die Möglichkeiten für einen Frieden zu diskutieren; im Januar 1917 sprach er sich selbst deutlich für einen „Frieden ohne Sieg" aus. Nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges durch die Deutschen und auf Grund der Zimmermann-Note (ein gegen die USA gerichtetes Bündnisangebot Deutschlands an Mexiko) erklärten die USA am 6.April 1917 Deutschland den Krieg und traten aktiv in den 1.Weltkrieg ein.
1. Weltkrieg, Kriegsleistungen
Die USA mobilisierten fast drei Millionen Mann für den Krieg. Unter dem Befehl von General John J. Pershing wurden im Sommer 1918 große Truppenkontingente nach Frankreich verlegt, um dort an der alliierten Gegenoffensive gegen Deutschland, die den Krieg noch im Herbst des gleichen Jahres beenden sollte, teilzunehmen. Im Inland wurde mit dem War Industries Board unter Bernard Baruch eine Behörde zur staatlichen Lenkung der Kriegswirtschaft eingerichtet, und durch die Liberty loan bond drives (Schuldverschreibungen) konnten mehrere Millionen Dollar aufgebracht werden. Die amerikanische Öffentlichkeit hatte den Kriegseintritt der USA akzeptiert - dank der unermüdlichen Werbekampagnen der Regierung. Andererseits schränkten neue Gesetze gegen Spionage und Volksverhetzung bürgerliche Freiheiten ein, z..B. wurde der Parteivorsitzende der Sozialisten und Kriegskritiker Eugene V.Debs verhaftet.
Kriegsziele und Frieden
Im Januar 1918 legte Wilson in seinen Vierzehn Punkten ein Programm für den Weltfrieden und die Neuordnung Europas nach dem 1.Weltkrieg vor; zentrale Punkte waren das Selbstbestimmungsrecht aller Völker, die gerechte Neuordnung des Kolonialsystems und die Einrichtung des Völkerbundes zur Friedenssicherung. Auf der Grundlage der Vierzehn Punkte bat Deutschland im Oktober1918 um Waffenstillstand.
Bei den sechsmonatigen Friedensverhandlungen in Paris, die zum Versailler Vertrag führten, war Wilson zwar die dominierende Persönlichkeit, musste aber einigen Kompromissen zustimmen, vor allem in der Frage der Kriegsschuld und der Reparationen, um von den Alliierten die vertragliche Zusicherung zur Gründung des Völkerbundes zu erreichen.
Ablehnung des Versailler Vertrags
In den USA hatte sich eine Opposition gegen den Versailler Vertrag formiert. Man fürchtete, dass ein Beitritt zum Völkerbund die USA in künftige Kriege verwickeln und die amerikanische Unabhängigkeit und militärische Handlungsfreiheit einschränken könnte. Die republikanischen Senatoren unter der Führung von Henry Cabot Lodge aus Massachusetts drohten, dem Versailler Vertrag und somit dem Beitritt zum Völkerbund die für die Ratifizierung erforderliche Zweidrittelmehrheit zu verweigern, sofern die Mitgliedschaft der USA im Völkerbund nicht strikt beschränkt würde. Wilson kämpfte mit großem Engagement für die Annahme des Versailler Vertrags durch die USA; auf einer Reise quer durch die Vereinigten Staaten warb er bei der Bevölkerung für einen Völkerbundbeitritt der USA. Im Oktober 1919 erlitt er auf seiner Reise einen Schlaganfall; er genas zwar so weit, dass er sein Amt weiter ausüben konnte, blieb aber halbseitig gelähmt. In der Zwischenzeit fiel der Friedensvertrag zweimal, im November 1919 und im März 1920 bei Abstimmungen im Senat durch; Wilson und seine isolationistischen Opponenten konnten sich nicht auf eine Kompromissformel einigen, die die Vorbehalte der Mehrheit der Senatoren gegen die Völkerbundssatzung berücksichtigte. Die Vereinigten Staaten traten dem Völkerbund nie bei.
Die Präsidentschaftswahlen von 1920 gewann der Kandidat der konservativen Republikaner Warren G. Harding, der die Rückkehr zur „Normalität" und die Revision so gut wie aller innen- und außenpolitischen Ziele Wilsons zu seinem Programm gemacht hatte. 1920 wurde Wilson der Friedensnobelpreis für 1919 zuerkannt. Wilson starb am 3.Februar 1924 in Washington D.C.
Beurteilung
Wilson war und bleibt eine politisch umstrittene Persönlichkeit. Nach dem 1.Weltkrieg beschuldigte man ihn, sein Land grundlos in den Krieg geführt zu haben und der Unterdrückung und Reaktion in den USA Tür und Tor geöffnet zu haben. Im 2.Weltkrieg dagegen idolisierte man ihn zu einem Propheten des Friedens, dem man Beachtung hätte schenken sollen; und in den Vereinten Nationen sah man die Erfüllung seiner politischen Träume. Trotz aller kontroversen Diskussionen um seine Politik wird Wilsons Bedeutung nie grundsätzlich in Frage gestellt. Von allen Präsidenten seit dem Amerikanischen Bürgerkrieg kommt ihm nur Franklin D.Roosevelt gleich, was seinen enormen Einfluss auf die Innen- wie auf die Weltpolitik betrifft. Roosevelt nahm in den meisten Punkten Wilsons Politik auf.